als ich anfang der woche vom freitod robert enkes gehört habe, war ich zugegebenermaßen sehr geschockt. ich habe mich zwar vorher kaum mit ihm als torwart beschäftigt, aber als fußballfan hatte auch ich unweigerlich von seinen schicksalsschlägen der letzten jahre gehört und das rennen um die nummer eins im deutschen tor bleibt einem zeitungsleser auch nicht verborgen.
vor ein paar jahren ist einem fußballer von mainz 05 das gleiche „passiert“. auch guido erhard hat sich vor einen zug geworfen und ich erlebte damals zum ersten mal eine schweigeminute im stadion und die fassungslosigkeit, die damit einhergeht. guido galt unter den fans als sehr zugänglicher und fröhlicher mensch. immer ein offenes ohr für die fans und trotz seiner wenigen auftritte im rot-weißen trikot ein beliebter spieler. dann verschwand er plötzlich von der bildfläche und so recht wusste (offiziell) niemand, wohin es ihn verschlagen hatte. im nachhinein stellte sich heraus, dass er in psychiatrischer behandlung gewesen war. geholfen hat es ihm offensichtlich nicht, denn sein weg endete freiwillig so wie der von robert enke.
ich frage mich jetzt die ganze zeit, ob dieser weg von vorne herein gezeichnet ist oder ob man eine echte chance hat dem zu entgehen? ist diese krankheit wirklich heilbar oder leistet die therapie im grunde genommen nur einen aufschub? was ist mit den menschen aus unserem umfeld, die immer eine gewisse traurigkeit zum ausdruck bringen und sich grübelnd zurückziehen? sind die es, um die wir uns sorgen müssen oder sind es diejenigen, die stets lächeln und die vermeintlich kein wässerchen trüben kann? deutet eine melancholische, zuweilen düstere ader auf gefahren hin? ist der gedanke sich vorzeitig aus dem leben zu verabschieden, der sich gelegentlich zugang zu den gedanken verschafft schon gefährlich oder ist das etwas, das je nach lebenssituation schon einmal vorkommen kann?
wo ist die grenze zwischen schlichtem pessimismus und einer echten gefahr? sind menschen im umgang mit anderen menschen überhaupt jemals 100% sie selbst? oder verbergen sie sich hinter masken, die das widerspiegeln, was ihr gegenüber von ihnen erwartet? robert enke entschuldigt sich in seinem abschiedsbrief dafür, dass er sein umfeld, aber vor allem seine frau in den letzten tagen seines lebens getäuscht hat, was seinen gemütszustand betrifft. die person also, die ihm am nächsten stand und die meines erachtens nach wohl sein größtes vertrauen besaß.
und was wollen wir im umgang mit anderen menschen? wollen wir sie so, wie sie sind oder wollen wir uns nicht mit der fülle an eigenschaften auseinandersetzen, die so ein mensch unweigerlich mit sich bringt? interessieren wir uns wirklich für das, was der andere empfindet und denkt oder genügt uns eine oberflächliche betrachtung? die diskussion, die jetzt angestoßen wurde um den leistungsdruck in der heutigen gesellschaft, unabhängig von der branche fußball, wird mit der zeit im sande verlaufen und letztlich nichts ändern. was ist beispielsweise mit den mitarbeitern der französischen telefongesellschaft, die sich in den letzten monaten zahlreich das leben genommen haben, weil sie mit dem druck nicht klarkamen? eine randnotiz in der zeitung.
was ist mit den männern, die ihren frauen etwas vorlügen, weil sie finanzielle probleme verbergen wollen und die dadurch ein lügengespinst entwickeln, das so völlig unnötig ist? warum versuchen wir es stattdessen nicht öfter einfach mit der wahrheit? the truth cuts deep, but it cuts clean. das wird langsam alles etwas zusammenhanglos, deswegen will ich das an dieser stelle beenden. irgendwie wäre es doch schön, wenn man über die menschen, die im näheren umfeld sind, sagen könnte, dass man zwar nicht jedes detail ihres lebens kennt, aber dass man merkt, wenn es ihnen nicht gut geht und sie hilfe brauchen, oder? und dass man auch lernt zu unterscheiden, wann die eigenen bedürfnisse zurückgestellt werden sollten und ein offenes ohr viel angebrachter ist als ein eigenes lamentieren.
in der todesanzeige von robert enke heißt es nach einem zitat von vaclav havel:
Hoffnung ist nicht die Überzeugung dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.
machs gut robert! hättest du vorher von dieser anteilnahme gewusst, hättest du dich vielleicht getraut und dich geöffnet. vielleicht hätte es aber auch nichts geändert…